Hanna Orthmann

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"Ich habe Freunde auf der ganzen Welt gefunden"

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Hanna Orthmann spielt in der türkischen Volleyball-Liga, von der man sagt, sie sei die beste der Welt. Mit 17 Jahren war sie bereits Nationalspielerin. Über ihr Leben in Istanbul, was sie an Volleyball mag und was ihre Pläne für die Zukunft sind, hat Nadine Wenge mit der Lüdinghauserin gesprochen.

Hanna, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns nimmst. Wie bist Du zum Volleyball gekommen? Ist es richtig, dass Du als Kind erst Fußball gespielt hast?

Hanna: Genau, mein Papa war Fußballtrainer, mein Bruder hat Fußball gespielt und so habe ich auch angefangen bei den Minikickern des SC Union 08 Lüdinghausen. In Lüdinghausen gab es damals keine Mädchenmannschaft, weshalb ich dann das einzige Mädchen im Team war. Ab der C-Jugend durfte ich nicht mehr bei den Jungs mitspielen und stand vor der Entscheidung in eine Mädchenmannschaft oder den Sport zu wechseln. In der Zwischenzeit war mein Bruder über eine Schul-AG zum Volleyball gewechselt, was auch mein Interesse geweckt hat, so dass ich dann mit den Jungs angefangen habe Volleyball zu spielen.

Erzähl mal ein bisschen zu Deinem Werdegang. Wie bist Du Profi geworden? Und vor allem, wie bist Du zur Nationalmannschaft gekommen, das war mit 17, oder?

Hanna: Eigentlich bin ich durch die Vorgeschichte eher durch Zufall Profi und Nationalspielerin geworden. Nachdem ich auch beim Volleyball zunächst mit Jungs gespielt habe, bin ich nach und nach in eine Mädchenmannschaft gerutscht. Aus diesen Mädels hat sich nicht nur ein tolles Team von Volleyballerinnen, sondern auch echte Freundschaften entwickelt. Die Krönung war die Deutsche Meisterschaft der Altersklasse U16. Für mich ging es dann weiter über die NRW-Auswahl in verschiedene Jugendnationalmannschaften. Nach dem Wechsel ins Sportinternat Münster sammelte ich Erfahrungen in der zweiten und ersten Bundesliga mit dem USC Münster. Die Belohnung war dann die Einladung zur Damen-Nationalmannschaft. So bekam ich mit 16 Jahren meinen ersten Einsatz beim World Grand PRIX – heute Nationsleague.

Du spielst seit einigen Jahren im Ausland, zuerst in Italien, jetzt in der Türkei. Warum hat es Dich dorthin gezogen?

Hanna: Ich hatte mit 18 Jahren fast die Freude am Sport verloren und sogar darüber nachgedacht, aufzuhören. In dieser Zeit schrieb mir mein heutiger Manager immer wieder, dass ein Angebot aus der ersten italienischen Liga vorliege. Die italienische und die türkische Liga gehören zu den besten der Welt – trotzdem konnte ich mir lange nicht vorstellen, ins Ausland zu gehen. Doch dieser Gefühlszustand hat vieles neu geordnet. Schließlich habe ich mich entschieden, den Schritt zu wagen und es auszuprobieren. Und falls die Freude trotzdem nicht zurückkehren würde, könnte ich zumindest wertvolle Erfahrungen fürs Leben mitnehmen; und immer mit der Option, dass ich jederzeit aufhören kann.

Du hast auch schwere Zeiten durchgemacht: Corona in Italien, eine schwere Knieverletzung 2023, der plötzliche Tod deines Trainers. Wie hat Dich das geprägt? Und wie hast Du Dich vielleicht auch dadurch verändert?

Hanna: Die Zeit von Corona war in Italien sehr intensiv. Jeder kennt die schrecklichen Bilder aus Bergamo. Ich habe zu der Zeit in Monza, also ganz in der Nähe, gespielt. Das tägliche Leben war sehr eingeschränkt und wurde sogar mit Drohnen überwacht. Wir Spielerinnen hatten Glück, weil wir überwiegend in einem Hotelkomplex gelebt haben. Dadurch und durch das weitere Training waren wir nicht so isoliert wie viele andere. Außerdem hat uns der Verein sehr unterstützt. Als junge Spielerin wünscht man sich einen Trainer, der einem vertraut. Man kann sich nur entwickeln, wenn man Spielanteile bekommt, auch Fehler machen darf, um daraus zu lernen. All das hat Miguel Falasca mir gegeben. Er hat mir total vertraut, mir sehr geholfen und sich mit mir über meine Entwicklung gefreut. Ich habe von ihm sehr viel gelernt und zehre noch heute davon. Wenn so eine wichtige Bezugsperson von jetzt auf gleich aus dem Leben gerissen wird, hinterlässt das Spuren. Ich habe danach viel Zeit gebraucht, um das zu verarbeiten. Aber auch in dieser Situation war ich im Ausland nicht alleine. Ich hatte von vielen Seiten die notwendige Unterstützung; insbesondere von Steve, meinem Manager.

Magst Du ein bisschen aus Deinem Alltag in Istanbul erzählen? Wie sieht Dein Tag aus? Wie oft habt Ihr Training?

Hanna: Wir haben meist ein bis zwei mal Training am Tag. An den Tagen, an denen doppelt trainiert wird, ist meist nur Zeit, kurz nach Hause zu fahren, Mittagessen zu kochen, sich kurz auszuruhen und dann geht es auch schon wieder los. An den Tagen mit nur einem Training gehe ich gerne auch mal am Bosporus spazieren oder in einem der tollen Cafés frühstücken, die ich in Istanbul am liebsten mag. Ansonsten unternehmen wir auch mit den Mitspielerinnen gerne etwas.

Was machst Du gerne in Istanbul, wenn Du nicht Volleyball spielst?

Hanna: Bei gutem Wetter gehe ich gerne ans Meer, fahre mit einem Boot oder sitze draußen in einem Café. Bei schlechtem Wetter gehen wir mit den Mädels auch gerne mal ins Kino oder shoppen. Außerdem haben wir auch angebotene Kurse in Istanbul besucht, wie Töpfern oder Parfüm selber machen.

Ich habe gelesen, Du bist leidenschaftliche Bäckerin. Warum backst Du so gerne?

Hanna: Es macht mir sehr viel Spaß Dinge aus den einzelnen Zutaten herzustellen. Dabei kann man Schritt für Schritt sehen, wie sich etwas entwickelt und ist dann glücklich, wenn es am Ende so herauskommt, wie man sich das vorgestellt hat. Außerdem mache ich gerne andere Menschen mit den Leckereien glücklich. Wenn es ihnen schmeckt, freue ich mich umso mehr. Davon haben übrigens auch alle Teams, in denen ich gespielt habe, profitiert.

Findet man auch Freunde im Leistungssport oder ist das doch eher Konkurrenzkampf?

Hanna: Konkurrenzkampf erlebe ich persönlich wenig. Natürlich möchte jede Spielerin, wenn möglich, immer auf dem Feld stehen. Am Ende ist es allerdings die Entscheidung des Trainers und wir können nur hart im Training arbeiten und unsere Leistung bringen, so dass er keine andere Wahl hat als uns spielen zu lassen. Ist dies einmal nicht der Fall, sollten wir das als Motivation nehmen, noch härter zu arbeiten und uns einen Platz auf dem Feld zu verdienen. Man lernt jede Saison viele neue Leute kennen, von denen viele einfach Freunde auf Zeit sind. Vereinzelt bilden sich jedoch auch Freundschaften, die über die Jahre hinweg Bestand haben. So kann ich mittlerweile sagen, dass ich durch den Volleyball Freunde auf der ganzen Welt gefunden habe.

Du bist ein heimatverbundener Mensch. Dir fiel es damals schwer, Lüdinghausen zu verlassen, als Du Dich für das USC-Sportinternat entschieden hast. Was magst Du an Lüdinghausen, an der Heimat?

Hanna: Ich bin ein sehr familiärer, heimatverbundener Mensch, was mir den Wechsel nach Münster nicht leicht gemacht hat. Ich mag die Ruhe, wie ich hier herunterfahren kann und dass ich mich einfach absolut wohl fühle.

Was vermisst Du am meisten?

Hanna: Am meisten vermisse ich meine Familie und diese Unbeschwertheit, die ich hatte, als ich noch in Lüdinghausen gelebt habe. Ansonsten die schöne Natur und natürlich nicht zu vergessen das leckere Eis in der Stadt.

Und bist Du gelegentlich noch mal hier?

Hanna: Wann immer es mir möglich ist, komme ich gerne nach Hause. Das ist nicht unbedingt sehr oft, dafür genieße ich die Momente umso mehr.

Die Saison in der Türkei ist seit Mitte April vorbei, was machst Du jetzt den Sommer über?

Hanna: Im Sommer steht im Volleyball die Nationalmannschaftssaison an. Wir sind den ganzen Sommer über mit dem Team unterwegs. Dabei geht es von Trainingslager zu Trainingslager, von Turnier zu Turnier. 2026 steht die Volleyball Nations League, so wie die Europameisterschaft an.

Was sind Deine Ziele für die kommenden Jahre?

Hanna: In 2028 steht ja wieder Olympia an… Ich möchte auch in den kommenden Jahren weiterhin international auf hohem Niveau Volleyball spielen. Olympia ist sicher ein Traum, den jeder Sportler träumt. Leider ist der Weg dahin nicht einfach. Es geht lange vorher schon um Weltranglistenpunkte, um damit die Chancen zu steigern sich für Olympia zu qualifizieren. Und darauf liegt sicher der Fokus in der nahen Zukunft.

Letzte Frage: Was möchtest Du einmal machen, wenn Du die Volleyballschuhe an den Nagel hängst? Hast Du schon Pläne für die Karriere nach dem Profisport?

Hanna: Konkrete Pläne habe ich noch nicht. Ich studiere aufgrund der zeitlichen Belastung als Profi in Teilzeit. Da dauert ein Studium halt etwas länger. Aber es wäre fatal sich nur auf den Sport zu verlassen. Ich bin froh, dass ich auch in dieser Richtung die volle Unterstützung aus meinem persönlichen Umfeld habe.